“Totalschadens​-​Protokoll”

by EXEDO feat. MARTAVICTOR

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in Gedenken an das Gärtnerhaus im Park – R.I.P.

live at k15, Augsburg, 14.01.17

photography and design by MARTAVICTOR
martavictor.design

recording and mastering by EMERGE

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video GärtnerhAUS by MARTAVICTOR
vimeo.com/192029135

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SÜNDENFALL IM MARTINI-PARADIES – EIN TOTALSCHADENSBERICHT

DIENSTAG, 5. Juli 2016


EIN IDYLLISCHER ORT DES FRIEDENS ...
... war das Gärtnerhaus noch am gestrigen Montag Abend. Letzte warme Sonnenstrahlen, Jasminduft, dicht am sanft murmelnden Bach die ersten Himbeeren reif. Die Gewächshäuser versprechen reiche Ernte, der rüstige Herr gießt sorgsam. Zwischen den Glasprismen lehrt Mama Mieze ihre Kinder das Fauchmaleins. Ein Stück heile Welt, einer jener unbezahlbaren Momente, ohne die das Leben kein Leben wäre. Voller Dankbarkeit für unsere reiche Stadt, in der wir uns so glücklich fühlen können.
JETZT BRAUCHT DIESER ORT SCHNELLE HILFE!

10:00 Uhr:
Es scheppert, knirscht und kracht im martinipark. Keine schönen Töne, die Entkernung des Gärtnerhauses ist im Gange. Ein himmelblauer Teleskopstapler umkreist das Gebäude und fährt seinen langen Arm aus, wo er gerade gebraucht wird.

11:30 Uhr:
Pause. Stille. Momentan kracht und splittert nichts mehr. Aus dem Inneren des Gärtnerhauses wurde schon viel Material abgetragen, der erste Container füllt sich schnell. Alle Scheiben sind draußen, das Dach auf einer Seite schwer beschädigt.

13:30 Uhr:
Es wütet weiter im Inneren des Gärtner­hauses. Gewaltig staubt es, als lange. Dielenbretter in den bereitstehenden Container gepresst werden. Ein eiliger offener Brief des Freundeskreises Gärtnerhaus im Park geht an Presse und Entscheidungsträger. Die Katzen im Treibhaus werden sich ein neues Zuhause suchen müssen.

16:00 Uhr:
Ruhe für heute.
Gespenstische Ruhe. Vorne der volle Container, hinten die offene Tür. Im Inneren sieht es wüst aus. Fünfzehn Meter weiter gießt der rüstige Mann seine Beete und versorgt seine Tomaten im Treibhaus. Wie er‘s seit Jahren Tag für Tag getan hat. Und heute war ein Tag wie jeder andere, oder?

MITTWOCH, 6. Juli 2016

9:00 Uhr:
Heute geht‘s erstmal ruhig weiter. Das Innere des Obergeschosses wandert in große weiße Säcke, die hinter dem Haus aufgestapelt werden. Rechter Hand im Erdgeschoss marschieren die langen Bodendielen zum Fenster hinaus. Im Treibhaus gießt der Gärtner.

11:00 Uhr:
Aus dem OG fliegen noch einzelne Brocken in den großen Container. An der Außenseite sind jetzt die „wohl bauzeitlichen Brettläden“ dran, die laut ablehnender Stellungnahme der Denkmalschutzbehörde „den Gebäudecharakter wesentlich bestimmen“. Rund ums Haus röhrt der Schlagbohrer, um die Halterungen zu entfernen.

14:00 Uhr:
Eine Staubwolke umgibt das Haus. Eben ist wieder ein Container fast voll. Aus dem Inneren ist fleißiges Klopfen und Presslufthämmern zu hören.

16:00 Uhr:
Wieder Feierabend für heute. Langsam senkt sich der Staub. Hinten hängt das Balkongeländer herunter. Gärtners Kätzchen blicken scheu, die nächsten Tage sollen sie vom Tierheim eingefangen werden. Sonst weiß der Gärtner von nichts. Erst im Herbst, hatte es geheißen. Jetzt kommt alles so plötzlich. – „Das soll auch weg“, murmelt er tonlos und zeigt auf das Resultat seines jahrelangen, liebevollen Fleißes, die prachtvoll begrünten Treibhäuser. Der Mann wirkt verstört. Im Gärtnerhaus selbst sind innen jetzt die Deckenbalken freigelegt, alle Zimmer sehen aufgeräumt aus. Auch die meisten Fensterrahmen und sprossen sind raus. Die schmucken Fensterläden sind in den großen Container gewandert.

DONNERSTAG, 7. Juli 2016

9:00 Uhr:
Die Augsburger Allgemeine hat einen ausführlichen Bericht zur Situation gebracht, außerdem hat a3kultur online auf die Rettungsaktion hingewiesen

11:00 Uhr:
Das Gärtnerhaus sonnt sich – heute sehr freizügig, ganz ohne Fenster, Türen und Läden. Die wurden schon kurz vor 9 Uhr im letzten Container abtransportiert. Im Erdgeschoss kann man jetzt einmal durchs ganze Haus sehen. Alles offen im Moment..

14:00 Uhr:
Mittagsruhe am Gärtnerhaus. Alles so sommerlich paradiesisch, als hätte nie etwas oder jemand es gewagt, den Frieden dieses Ortes zu stören. Die vordere Tür hängt wieder drin, ganz so, wie sich’s für ein behütetes Haus gehört. Wir hoffen sehr, dass das vorerst auch so bleibt. Jetzt ist Zeit zum Umdenken.

15:00 Uhr:
Der Freundeskreis Gärtnerhaus verschickt weiter dringende Briefe an OB, Stadtrat und Eigentümer, um in letzter Sekunde Einhalt zu gebieten und die Parteien doch noch an den runden Tisch zu rufen. Kurzfristig haben wir die Information erhalten, dass nun am kommenden Montag, den 11. Juli, der Abbruch des Gärtnerhauses erfolgen soll.

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FREITAG, 8. Juli 2016

9:00 Uhr:
Das Abbruchfahrzeug ist eingetroffen. Es wurde per Tieflader antransportiert und wartet auf seinen Einsatz.

9:30 Uhr:
Die Presse ist informiert.

11:00 Uhr:
Der gelbe Bagger ist jetzt sehr aktiv, umkreist fleißig das Gärtnerhaus, langt kräftig in die Fensteröffnungen und reißt Mauerwerksbrocken heraus. Bei den Treibhäusern gießt der Gärtner seine Beete, die Katzen huschen noch herum. Ab jetzt ist es leider nicht mehr möglich, aus der Nähe zu fotografieren: Der Abbruch wird bewacht.

13:00 Uhr:
Ruhe für heute.

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SAMSTAG, 9. Juli 2016

8:00 Uhr:
An der Rückseite des Gärtnerhauses setzt der Bagger sein Zerstörungswerk fort, und es geht ziemlich schnell.

9:00 Uhr:
Das gesamte hintere Dach ist bereits eingestürzt und ein großer Teil der hinteren Fassade entfernt. Mit Geknacke zieht der Greifer ganze Dachbalken und große Mauerwerksbrocken heraus, die krachend herunterstürzen. Riesige Staubwolken ziehen durch den Park.

10:00 Uhr:
Dach und Außenmauern sind eingestürzt. Der Wille der Eigentümer ist geschehen. Das Gärtnerhaus selbst ist in dieser Form nun nicht mehr zu retten. Momentan ruht die Arbeit, eine Staubglocke hängt über Trümmern und Bäumen.

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MONTAG, 11. Juli 2016

8:00 bis 16:00 Uhr:
Der Bagger räumt auf am derzeit wahrscheinlich traurigsten Fleck in Augsburg. Er trennt säuberlich den Schutt – die Balken ins Töpfchen, die Brocken ins Kröpfchen oder so ähnlich. Container füllen sich. Der Gärtner räumt sein Heizhaus aus, sagen darf er nichts mehr.

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DIENSTAG, 12. Juli 2016


14:00 Uhr:
Wie eine fette gelbe Henne gluckt der Bagger auf dem Trümmerberg, der einmal das Gärtnerhaus war. Der Haufen ist schon wesentlich kleiner als gestern, die sperrigen Teile wurden herausgezogen und entsorgt. Heizhaus und Treibhäuser sind bislang intakt. Der Freundeskreis Gärtnerhaus verfasst weitere dringende Briefe an die Entscheidungsträger, wenigstens diesen Flecken Grün weiterleben zu lassen.

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MITTWOCH, 13. Juli 2016

9:00 Uhr:
Der promovierte Kunsthistoriker und ehemalige Denkmaltags-Organisator Gregor Nagler hat ein ebenso fundiertes wie dringendes Plädoyer für den Erhalt des Heizhauses und der Gewächshäuser an alle relevanten Stellen verschickt. Vor Ort weiter das Ballett des Baggers auf dem wieder kleiner gewordenen Häufchen Gärtnerhaus. Die Gärtnersleute haben ihr Zeltchen beim Heizhaus abgebaut. Hier haben sie oft am Wasser gesessen, Kaffee getrunken, von der Gartenarbeit ausgeruht. Morgen soll Schluss sein mit dem stillen Glück, endgültig.

14:00 Uhr:
Tief hängt der Himmel, Regen wird es geben. Der Bagger ruht. Gebeugt schleicht der Gärtner durch sein noch immer prachtvolles Grün. Er trägt einen Katzentransportkorb, geht wohl die Kleinen einfangen.

DONNERSTAG, 14. Juli 2016

13:00 Uhr:
Die Sonne bricht durch. Zwei kräftige Jungs beginnen, die Glasscheiben aus dem ersten der hundertjährigen Gewächshäuser trennen. Tomaten & Co. stehen noch drin.

14:00 Uhr:
Die Presse weiß Bescheid.

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FREITAG 15. Juli 2016

12:00 Uhr:
Eins von drei Treibhäusern ist weg. Das Heizhaus wurde dabei leicht beschädigt.

15:30 Uhr:
Da war es nur noch eins: Zwei Gewächshäuser sind verschwunden bis auf die Fundamente. Am dritten schlagen Arbeiter hektisch die Scheiben ein, sie scheinen es eilig zu haben. Aus dem Tragwerk der ersten zwei Gewächshäuser hat sich der Bagger ein neues Nest gebaut. Gebeugt steht der gewesene Gärtner dabei. Sein sorgsam gehegtes Grün ist in handliche weiße Säcke gewandert. Die holt
der Stapler später.

18:00 Uhr:
Feierabend. Dank Überstunden alle drei Treibhäuser zerlegt. Noch einmal schlafen, liebes Heizhaus. Dann bist auch du an der Reihe.

SAMSTAG 16. Juli 2016

8:00 Uhr:
Ein fast perfektes Idyll: Taufeuchte Wiese, stolze Baumriesen, murmelnder Bach, mittendrin das Heizhaus. Friedlich liegt es da in der Morgensonne, jetzt neu ohne Treibhäuser. Kein Mensch da, der Bagger ruht. Schönes Wochenende.

MONTAG, 18. Juli 2016

15:30 Uhr:
Der Bagger bückt sich, bricht knackend ein meterlanges Stück Treibhausfundament heraus, hebt es hoch, dreht sich, lässt den Brocken herunterdumpfen. Immer wieder, immer näher rückt er dem Heizhaus dabei. Ungewohnt untätig sitzt der vormalige Gärtner im Gartenstuhl. Manchmal setzt sich seine Frau dazu, manchmal eine seiner Katzen oder alle beide. Unfreiwilliges Freiluftkino mit brachialen Sound-Effekten. Wie Grashalme rupft die Stahlgiraffe mit ihrem 360° drehbaren Maul auch die alten Wasserleitungen heraus, dreht sich, lässt sie zu Boden scheppern.

11:30 Uhr:
Seit heute Früh hat sich der Bagger durch die soliden Fundamente der Treibhäuser gefressen und hohe Brockenberge aufgehäuft. Nun pausiert er gerade. Das Innenleben des Heizhauses stapelt sich daneben. Schweigend stehen die Bäume im Halbkreis, in der Nähe klopft ein Specht.

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DIENSTAG, 19. Juli 2016

11:00 Uhr:
Kraftvoll beißt der Bagger zu, das Dach des Heizhauses ächzt.
Den Schornstein hat es bereits eingebüßt.

11:30 Uhr:
Ein letzter Ruck, und das Heizhaus ist geköpft.

17:00 Uhr:
Wiese. Bäume. Stille. Auch vom Heizhaus nichts mehr zu sehen.
Das Nest ist leer.

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released January 17, 2017

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